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Vorüberlegungen:

Architektur ist immer mehr, als nur ein Objekt zu erbauen, das eine besondere Funktion zu erfüllen hat wie z.B. ein Wohnhaus für eine oder viele Familien oder eine Fabrik, in der eben ganz spezielle Produkte (Motoren, Maschinen, Möbel, Textilien, Konserven usw) hergestellt werden. Architektur ist immer auch etwas, worin wir selbst uns aufhalten, leben, arbeiten und feiern. Wenn wir also Architektur betrachten oder entwerfen, dann sind wir selbst immer schon in ihr enthalten. Jeder Bau ist nur in seiner Wechselwirkung mit unserem Aufenthalt und unserem Handeln und Leben in seinem Raum zu begreifen. Unser Handeln im Raum muss deshalb Ausgangspunkt aller Überlegungen zu seiner Architektur sein. Am Anfang steht also nicht das Objekt, sondern der Mensch, der in diesem Objekt einmal leben und handeln soll.

So stellten sich uns beim Bau unserer „Kapelle“ zuerst eine Fülle von Fragen: Wer sind wir als Baptistengemeinde in der 2.Hälfte des 20.Jahrhunderts? Welchen Auftrag haben wir als Gemeinde zu erfüllen? Was haben wir zu verkündigen? Wie gestalten wir Gemeindeleben in der Vielfalt von Gruppen in lebendiger offener Kommunikation miteinander?usw. Neben den ganz praktischen auf die Funktionen des Objekts (Gruppenräume, Küche Foyer, Versammlungsraum usw) hin ausgerichteten Überlegungen, kommen auch Denken, Glauben und Gefühl mit zum Tragen. Der große Architekt Le Corbusier (Ausblick auf eine Architektur. Braunschweig 1982, S. 90) mahnt, dass einem Bau, der nur unseren praktischen Bedürfnissen diene, die geistige Dimension fehle: „Die Architektur ist unleugbar ein Ereignis, das eintritt, sobald der Geist, der damit beschäftigt ist, die Dauerhaftigkeit eines Werkes zu sichern und die Forderungen der Bequemlichkeit zu erfüllen, sich emporgehoben fühlt in dem Verlangen, nicht nur zu dienen, sondern den Versuch zu unternehmen, die lyrischen Kräfte, die uns beleben und uns Freude schenken zu manifestieren." (Le Corbusier, Feststellungen. Frankfurt/M Berlin 1964, S. 86).

Ergebnis all dieser Überlegungen ist heute leicht erlebbar, wenn wir das Foyer und den Kirchraum betreten und der Raum auf uns einwirkt, erleben wir uns in einer stimmigen Ganzheit, der Raum erscheint für uns gemacht, unserem Handeln gemäß gestaltet.

 

Nun zum Einzelnen:

Lichtdurchflutet öffnet sich die Glaswand des Foyers in den Kirchraum, der überwölbt wird durch ein Zeltdach. Es symbolisiert das Zelt Gottes unter uns Menschen, die wir unterwegs sind zum Zion, dem Berg und der Stadt Gottes, in der ER seine Herrschaft aufrichtet am Ende der Zeiten. 10 mächtige Trägerbalken tragen die warme, asymmetrische Holzpaneelendecke. In den 3 Trägern vorn über dem „Altarraum“.bekennen wir uns zur Dreieinigkeit unseres Gottes im Vater, dem Schöpfer aller Dinge, im Sohn, unserem Erlöser aus der Knechtschaft der Sünde, und dem Heiligen Geist, der uns Tröster ist und an alles erinnert, was Jesus getan und gelehrt hat. 7 Balken aber tragen das Dach über der versammelten, von Gott geheiligten Gemeinde. (7 als die heilige Zahl: die Erde - 4 Himmelsrichtungen - und die mit Gott versöhnten Menschen – 1 (Gott) +2 (Menschen) = 3, - so nach der uralten überlieferten Zahlensymbolik). Entsprechend sind die Lampen aufgehängt, die mit 144 Glühbirnen (12x12; wiederum einer alten biblischen Symbolzahl entsprechend) den Raum erhellen.

Der Raum vermeidet rechte Winkel und strahlt in seiner muschelartigen Form, die ein altes Symbol des Heiligen aufnimmt, eine große Ruhe und Geborgenheit aus. Auf Ihrer Wanderung durch die Zeiten ist die Gemeinde,das „Volk Gottes“, geborgen unter den 10 Seligpreisungen und den 10 guten Weisungen („Geboten“) Gottes. Die Zahl 10 wird in den geflämmten Bleiglasfenstern.- Flammen des Heiligen Geistes - der Südwand ein weiteres Mal aufgenommen.

Ein Blickfang sind die 7 Fensterbilder der Ostwand, die die Schöpfungsgeschichte (Gen.1) in hebräischer Leseweise von rechts nach links erzählen [mehr]. Abgesetzt von den Fenstern der 6 Schöpfungstage, versinnbildlicht das 7. Fenster mit dem Regenbogen den Bund Gottes mit Noah für die Menschheit und dem ganzen Kosmos nach der Großen Flut. Zugleich erhellt es den „Altarraum“ mit seinen weiteren Zeichen der Bundesschlüsse Gottes für die Menschen.

An der Wand zwischen 6. und 7. Fenster hängt eine Originallithographie Chagalls, die Mose mit den Gesetzestafeln, mit den
10 guten Weisungen vom Sinaibund mit Israel zeigt. Davor steht der Abendmahlstisch, zu dem uns Jesus einlädt, den Neuen Bund Gottes in den Zeichen des gebrochenen Brotes und des Weinkelches zu feiern. Der Neue Bund Gottes ist besiegelt im Tod Jesu am Kreuz von Golgatha. Jesus nimmt unsere Schuld auf sich und sühnt sie am Kreuz. Gott aber reißt ihn aus dem Tod und erweckt ihn zu ewigem Leben. So richtet Gott in den zerbrechenden Strukturen der menschlichen Gesellschaft sein Kreuz auf. Genau dieses Geschehen wird in den mächtigen, zerbrochenen Steinquadern aus Ardennen-
schiefer widergespiegelt.
Davor steht das Predigtpult, von dem aus diese „Gute Nachricht“ verkündigt wird uns zum Heil. Über dem Pult öffnet sich das Dach in einer Kuppel zum Himmel.

Links ist das Taufbecken eingelassen. Es versucht in der vorgegebenen Enge des Raumangebots das traditionelle Achteck nachzubilden. Der 8. Tag ist der Tag des Neubeginns. Die neue Woche beginnt, eine neue Zeit beginnt. Auf das Bekenntnis seines Glaubens wird der Täufling durch Untertauchen getauft und der Gemeinde Christi eingegliedert. Hier wird sein Glaube, den Gott in ihm bewirkt hat, in der Hineinnahme des Sterbens und Auferstehens Jesu Christi bildhaft besiegelt (Röm 6).

Die Winkel des Podestes und der Südwand mit dem Prospekt der Allan-Computer-Orgel werden im Schutzgitter des Taufbeckens, in der Kanzel und im Abendmahlstisch aufge-
nommen und geben dem Raumempfinden zusätzlich das Gefühl großer Harmonie. Schließlich wird sogar der Fluchtweg durch eine Tür noch zur nonverbalen Aussage herangezogen. Jesus sagt sehr bildhaft:“Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,7) Diese Fluchttür trägt das griechische Christusmonogramm Chi/Rho – X P , wie es bereits im 2.Jahrhundert bezeugt wird.

Im leichten Halbkreis können bis zu 250 Stühle gestellt werden, bei größeren Veranstaltungen können dann vom Foyer aus oder - wenn Bedarf ist – auch vom vorderen Teil des  Konferenzraums aus ca 100 weitere Personen am Gottesdienst teilnehmen. Zusammen mit den Nebenräumen in Parterre, oben in der ersten Etage sowie unten im Keller bewahrheitet sich der architekturleitende Gedanke, dass ohne Worte deutlich wird, wer hier sein Zuhause gefunden hat.

Text: Klaus Schilbach
Bilder: S.Assig

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siehe auch "Fensterbilder"

 

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