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 Die Gründung der Baptistengemeinde in Krefeld
 

Die Entstehung einer Baptistengemeinde in Krefeld ist eng verbunden mit dem Evangelischen Brüderverein, der 1850 in Elberfeld-Barmen von Hermann Heinrich Grafe, C.W. Neviandt, dem Schwiegervater Grafes, und Carl Brockhaus gegründet. worden ist. Es war ein freier Evangelisations- und Traktatverein. Viele Männer, die sich wenig später bei den Begründern der drei Freikirchen (Baptisten, Freie evangelische Gemeinde, Brüdergemeinde (Darbysten) wiederfinden, gehören als Mitglieder dem Evang. Brüderverein an. Sie alle suchten die "Gemeinschaft der Gläubigen". Erfasst von der Erweckungsbewegung, fanden sie zum lebendigen Glauben an Jesus Christus und entdeckten die Bibel als zuverlässige Richtschnur für ihr Leben. Anfangs hofften sie, innerhalb der Reformierten Kirche ihre Vorstellung einer geheiligten, missionsbewussten Gemeinde durchsetzen zu können. H.H. Grafe stieg bis in die Führungsgremien seiner Kirche auf. Doch bald entdeckten sie, dass für ihre Vorstellungen die volkskirchlichen Strukturen nicht geeignet waren. Eine Differenzierung von Gläubigen und Ungläubigen besonders beim Abendmahl war nicht zu erreichen. Eine evangelistische, bibelorientierte Bewegung konnten sie in ihrer Kirche ebenso wenig verwirklichen. So gründeten sie ohne jede kirchliche Anbindung ihren Evang. Brüderverein mit dem Ziel, durch Traktate. Hausbesuche und Evangelisationsversammlungen gerade die Menschen anzusprechen, die durch die traditionelle kirchliche Verkündigung nicht erreicht wurden. Alle Aktionen finanzierten sie aus eigenen Mitteln. Sie stellten "Lehrbrüder" ein und sandten "Sendboten" aus. Sorgsam achteten sie darauf keine kirchlichen Strukturen (Taufe, Abendmahl) aufzunehmen. Sie wollten keine Kirche gründen, sondern ihre Kirche zum eigentlichen Wesen zurückführen und "durch volksmissionarische Aktivität und Predigttätigkeit Unglauben und Unmoral der Arbeiterschaft bekämpfen" (H. Lenhard, Die Einheit der Kinder Gottes - Grafe-Biographie, Wuppertal 1977, S. 57). Mitglied im Verein konnte nur werden, "der die erlösende Kraft des Evangeliums an seinem eigenen Herzen erfahren hat." (§2 der Satzung).

1852 kam Julius Köbner (Foto) als erster Baptistenpastor nach Barmen und arbeitete mit den Brüdern des Evangelischen Brüdervereins zusammen. An der Frage der ,Feier des Abendmahls nur für die Gläubigen", die hier und da in den Häusern vollzogen wurde, und der "biblischen Taufe", die dann als Wiedertaufe in Misskredit geriet, entzündeten sich immer wieder Auseinandersetzungen mit den Kirchenleitungen und innerhalb des Vereins. So kam es 1852 zur Gründung der Barmer Baptistengemeinde durch Julius Köbner. Im gleichen Jahr begann Carl Brockhaus durch "Absonderung vom Bösen" die Brüder am "Tisch des Herrn" zu sammeln. 1854 folgten Grafe und seine Freunde mit der Gründung der Freien evangelischen. Gemeinde. In der Festschrift zum 150. Geburtstags - Jubiläum der Wuppertal-Barmer Gemeinde (S.47) heißt es: "Ein Vortrag über die Baptistengemeinden im September 1851 auf dem 4. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Elberfeld führt Julius Köbner zum ersten Mal ins Wuppertal. Mitte 1852, nachdem die Kunde vom dramatischen Wachstum der freien Täufergemeinden im Bergischen Land bis nach Hamburg gedrungen ist, kommt Köbner erneut und tauft Fritz Diedrichs. Zwei Monate später macht sich Oncken persönlich ein Bild von den Verhältnissen vor Ort. Bei der Gelegenheit tauft er zwölf Gläubige. Spätestens bei diesem Besuch wird Oncken den Entschluss gefasst haben, hier schnellstens eine baptistische Gemeinde nach Hamburger Art zu gründen, um den freien bergischen Täuferführern das Feld nicht allein zu überlassen. Wer aber soll es tun? Vor Ort ist anscheinend niemand dazu bereit oder in der Lage. So fällt Onckens Wahl auf seinen besten Mitarbeiter: Julius Köbner (im Bild rechts). Diese Wahl zeigt den großen Stellenwert, den Oncken dem Wuppertal damals beimißt. Durch Köbners Dienst wird das Wuppertal neben dem baptistischen "Bischofssitz" Hamburg (Oncken - im Bild links) und der preußischen Metropole Berlin (Lehmann - im Bild mitte) zu einem bedeutenden dritten Zentrum der baptistischen Bewegung." Von  Anbeginn an ist das durch  die Textilindustrie aufstrebende Krefeld ein

Stützpunkt des Evang. Brüdervereins und in der Entwicklung der freikirchlichen Gemeinden mit Wuppertal eng verbunden. Für die Baptisten ist diese Verbindung geprägt von der engen freundschaftlichen Beziehung von Julius Köbner zu Johann Carl Ernst Gruner und seiner Familie. Im Krefelder Stadtarchiv ist die Familie am 13.11. 1869 in der Dreikönigenstraße 60 nachweisbar, am 8.10.1872 zieht sie nach Barmen um. Seit 1859-1869 schreibt Köbner 17 Briefe an Ernst

Gruner, die im Oncken-Archiv - Elstal erhalten sind und die die sehr persönliche Zuneigung der beiden Männer belegen. So erhält auch einer der Söhne Gruners, der am 7. 8. 1860 geborenwurde, den Vornamen Ernst vom Vater und als zweiten Julius vom Freund des Vaters, Julius Köbner. Um Gruner haben sich nachweisbar Männer und Frauen in einer Hausgemeinde versammelt, von denen einige in Barmen getauft wurden. Hinweise darauf liegen für 1864 und für 1867 schriftlich vor. Seit 1864 erhält Gruner nach Beschluss der Barmer Gemeinde auch die Erlaubnis, "das Brot zu brechen" - d.h. das Abendmahl in der Hausgemeinde mit den Seinen zu feiern.

Die Tätigkeit des Evangelischen Brüdervereins war damit nicht zu Ende. Er breitete sich über das ganze Rheinland aus. Noch im Dezember 1900 finden wir eine Versammlung des Vereins in der Krefelder Königsburg mit S.M. Generalleutnant von Viebahn als Evangelist. Die Aufgaben des Vereins werden schließlich ganz von der "Evangelischen Allianz" übernommen.

Es ist die Tätigkeit dieses Vereins, die die drei Brüder Enger anzieht. 1870 findet Heinrich Enger, der Älteste von ihnen, geboren am 5. Juli 1850, zum lebendigen Glauben. Von Haus aus gemischt konfessionell aufgewachsen (Vater katholisch Mutter evangelisch), ohne enge Bindung an eine der Kirchen, schließt sich dem Verein in Krefeld an.

In dieser Zeit gibt ja bereits Baptisten in Krefeld. Als Köln am 18. Oktober 1868 von der Muttergemeinde in Barmen in die Selbständigkeit entlassen wurde, war Krefeld dabei. Als Station zählte sie fünf getaufte Mitglieder. Mit diesen kam Heinrich Enger und seine Frau Elisabeth, geb. Londong, über seine Schwester Anna, getauft von Bruder Feltges am 16. Mai 1870, in Kontakt. Sie lernten die Baptisten als "doch nicht so schlimm, wie es gemacht wird", kennen, ließen sich am 18. Juli 1875 von Bruder Feltges taufen und schlossen sich der Kölner Gemeinde - Station Krefeld - an. Im Juli 1877 folgte die Schwägerin Agnes Londung. Im Haus Enger, Elisabethstr. 76, versammelten sich die Baptisten Krefelds als Stubenversammlung, dort hielten sie ihre Bibel und Gebetsstunden und begannen sie mit einer Sonntagsschule, die seit 1887 ganz offiziell als solche geführt wurde.

Beruflich ist Heinrich Enger sehr erfolgreich: vom kleinen Seidenweber aufgestiegen, führt er 1883 ein technisches Atelier für Weberei in der Elisahethstr. 95. Er wird Harnischmacher (entscheidend für die Kettfadenführung im modernen Wehstuhl( und schließlich mit Pelters zusammen Fabrikbesitzer (1896 Viktoriastr. 171, seit Mai 1898

Elisahethstr. 94 Enger und Pelters). Um die Jahrhundertwende zieht er mit seiner Familie in den Forstwald (heute Bellenweg 171, vormals Stock 1 59/21). Fünf Kinder hatte das Ehepaar; aber alle sterben in früher Kindheit, bzw. die Tochter Anna mit 34 Jahren unverheiratet. Die Villa im Forstwald (Foto) wurde für die Anrather Geschwister ein lieber Treffpunkt auf ihrem Heimweg vom Gottesdienst . Wirtschaftlich auf festen Beinen, kann Heinrich Enger die sich entwickelnde Gemeinde tatkräftig unterstützen. Die größer werdende Stuben-

versammlung trifft sich schließlich zu regelmäßigen Gottesdiensten in seiner Werkstatt Elisabethstr. 95. Er selbst widmet sich zu dem aufopferungsvoll der Kinderarbeit in der Sonntagsschule. Schließlich baut er für die Gemeinde 1894 einen kleinen Saal in der Neuen Linner Str 44. (Heute versammelt sich dort die Katholisch-Apostolische Gemeinde, - auch altapostolisch genannt.) Dort wurde am 19. April 1897 die Krefelder Baptistengemeinde offiziell gegründet bzw. von der Muttergemeinde Köln zusammen mit den Stationen Viersen (niederländische Baptisten) und Mönchengladbach-Rheydt mit insgesamt 72 Mitglieder in die Selbständigkeit entlassen. Neben ihrem ersten Prediger de Haan wurde Heinrich Enger von der Gemeinde zum Mitältesten berufen und ordiniert.

Er blieb Ältester der Gemeinde bis 1927. Weil sich bei Festlichkeiten stehts als zu klein erwies, erwirbt die Gemeinde das Grundstück Schulstraße 43 (heute Seidenstraße). Unter Leitung des Predigers de Haan wird dort die "Zionskirche" gebaut und am 19.11.1899 eingeweiht.

Es wird deutlich. welch treibende Kräfte Männer wie Ernst Gruner und Heinrich Enger für die sich bildende Baptistengemeinde waren. Ausgehend von der Erweckung durch ein grundlegendes Bekehrungserlehnis. Wurden sie in ein intensives Lebennach dem Maßstäben der Heiligen Schrift geführt.

Das Bibelstudium führte ihn zur Tauferkenntnis und zur Gemeindeauffassung der Versammlung der Gläubigen. Ihr Leben wurde ein lebendiges Zeugnis in Tat und Wort für ihren gekreuzigten und auferstandenen Herrn, von dem sie sich ganz in Besitz genommen wussten. So verwundert es nicht, dass Heinrich Enger 1922 nach dem Tod seiner Frau die Vision zu verwirklichen suchte, seinen Besitz in eine Stiftung einzubringen und in der Villa im Forstwald ein Altersheim in Obhut des Baptistenbundes einzurichten. Doch zerstörte die Inflation alle solche Pläne und Verhandlungen, denn sie nahm ihm fast den ganzen Besitz. Er zog zu seiner Schwägerin Agnes Londong nach Krefeld und verlebte dort in aller Stille die letzten Jahre seines Lebens bis zum Tode am 5. Februar 1933.

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