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Jerusalem am Niederrhein? Das Ziel von 55plus im Februar lag in nächster Nähe:  In Neersen erhebt sich auf einer kleinen künstlichen Anhöhe die Kapelle Klein-Jerusalem. Zwischen 1655 und 1660 ließ sie der niederrheinische Pfarrer Gerhard Vynhoven erbauen.

Nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, in dem auch seine Pfarrkirche in Osterath zerstört worden war, hatte er eine, vielleicht sogar zwei Wallfahrten ins Heilige Land unternommen. Um seine Eindrücke von den Stätten, die in Bethlehem und Jerusalem an Jesu erste und letzte Tage auf Erden erinnern, auch anderen Menschen zu vermitteln und ihnen so Jesus näher zu bringen, ließ er diese Gedächtnisstätten nachbilden und schuf so unter dem Namen Beth-Jerusalem eine Kapelle, die im 17. und 18. Jahrhundert ein viel besuchtes Wallfahrtsziel war. Nach gründlicher Restaurierung der Kapelle bemüht sich jetzt eine "Interessengemeinschaft Kapelle Klein-Jerusalem", sie zu erhalten, wieder mit Gottesdiensten zu beleben und das Anliegen Gerhard Vynhovens aufrecht zu erhalten.

Die Vorsitzende dieses Vereins empfing uns, 18 Teilnehmer der Gruppe 55plus, an dem sehr kalten 18. Februar um 11 Uhr zu einer Sonderführung.

Vor dem Kirchengebäude informierte sie uns anhand der außen angebrachten Wappen und Inschriften über die Geschichte der Kapelle. Sie erläuterte uns, dass die Wetterfahnen die "heiligen drei Könige" darstellen und dass mit ihnen und dem Jerusalemer Kreuz auf dem Dach schon das Thema der Kapelle sichtbar wird: erste und letzte Tage Christi auf Erden.

Nach 28 Stufen, die Pilger des 17. und 18. Jahrhunderts auf Knien erstiegen, betraten wir den oberen Raum der Kirche. Im Osten befindet sich hier eine Kreuzigungsgruppe, im Westen eine Nachbildung der Grabeskapelle im Zustand des 17. Jahrhunderts. Eine Besonderheit der Kreuzigungsgruppe: Außer Jesus als Gekreuzigtem sowie Maria, der Mutter Jesu, und Johannes sind noch Skulpturen drei weiterer Frauen, des römischen Soldaten mit der Lanze und der beiden Schächer vorhanden. Ins Auge springend: Maria Magdalena als Büßerin: kniend vor dem Gekreuzigten, mit aufgelöstem Haar und betend emporgereckten Armen.

Die düstere Grabeskapelle konnten die meisten von uns nur leicht gebückt betreten. Im Innern der Vorraum mit einem Wandgemälde, das die drei Frauen am Grabe zeigt, denen der Engel die Auferstehung verkündigt. Daneben die kleine leere Grabkammer, überragt von einem Gemälde mit dem auferstehenden Christus. Für mich einer der Haupteindrücke.

Eine steile Treppe führte uns ins Untergeschoß, wo wir eine Nachbildung der Bethlehemer Geburtsgrotte sahen. Eine runde Bodenplatte mit einer von Strahlen umgebenen Sonne verkündet in der umlaufenden Inschrift, dass hier Christus geboren worden ist: die wahre Sonne. Daneben die Krippengrotte mit einem Dreikönigsaltar. An der Decke des Hauptraumes mehrfach der Stern von Bethlehem. Hier befindet sich auch das eindrucksvoll schlichte Grab von Gerhard Vynhoven. Die Erinnerungsplatte zeigt ihn kniend mit gefalteten Händen vor dem Gekreuzigten, dem er zuruft: "Für mich bedeutet Leben Christus und Sterben ist Gewinn" (lateinische Inschrift). Es gibt noch einige Nebenkapellen, z.B. die der unschuldigen Kinder, die an den Kindermord in Bethlehem erinnert, und die für Hieronymus, der bei Bethlehem die Bibel ins Lateinische übersetzte und sie damit dem Westen zugänglich machte.

Unserer sehr kompetenten Führerin gelang es stets, über das Kulturgeschichtliche hinaus das christliche Kernanliegen dieser Wallfahrtskapelle deutlich zu machen, den Besuchern "die ersten und letzten Tage des Herrn anschaulich vor ihre Seele zu stellen" (Gerhard Vynhoven).

Eine jahrhundertealte Ablasstafel in der Kirche veranlasste einen von uns zu der Frage, welchen Wert ein Wallfahrtsablass habe. Unsere Führerin antwortete, dass er ohne wahre Reue vor Gott nichts gelte. Welch wohltuender Gegensatz zur Zeit Luthers!

Am Schluss der Führung forderte sie uns auf, ein Lied zu singen. Wir sangen "Dona nobis pacem" und Laudate omnes gentes" - und unsere Führerin sang beide Lieder mit. Ich habe dies als Ausdruck gemeinsamen Jesusglaubens empfunden.

Anschließend gingen wir - stark beeindruckt, aber auch durchgefroren - in eine nahe gelegene Gaststätte. Hier konnten wir die Eindrücke "sacken" lassen und uns bei heißen Suppen und Getränken wieder aufwärmen. - Der ganze Ausflug: eine gelungene Unternehmung! Für Idee und Organisation an Jürgen und Gudrun Schönfisch ein herzliches Dankeschön!

Siegfried Scheider

 

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