|
|
|
Wie
kann Gott das zulassen? - Theodizeefrage
-
Jesus Christus spricht: Ich habe für dich gebetet, 'dass dein Glaube nicht aufhöre.
Lukas 22,32.
- Jahreslosung 2005
|
|
Liebe Leserinnen und Leser,
wie kann Gott das zulassen? So hatten nach der Flutwellenkatastrophe in Südostasien viele Menschen gefragt und ihr Erschrecken und Entsetzen in diese Form menschlicher Klage gekleidet. Und denen, die so gefragt wurden, blieb die Antwort zumeist im Hals stecken, weil im Grunde keiner darauf eine Antwort geben kann. Wie kann Gott das zulassen? So wird immer gefragt, wenn sich Abgründe auftun und die dunkle Seite des Lebens Menschen ins Leid stürzt. Alle Theorien, Deutungen und Ratschläge können in einer solchen Lage mehr wehtun als lindern. Vielleicht wurden auch Sie so gefragt und mussten hilflos schweigen. Oder hat man auch Ihnen vorgeworfen: Wie kannst du nach dem, was geschehen ist, noch an einen gnädigen Gott glauben? In solchen Momenten gerät der Glaube auf den Prüfstand. Ähnlich war es bei Petrus, dem engen Freund und Jünger Jesu. Die Jahreslosung 2005 ist einem Abschnitt im Lukasevangelium entnommen, in dem Jesus den sehr selbstbewussten Petrus auf die für ihn peinlichste Situation in seinem Leben vorbereitet, in der ihn sein sonst scheinbar so unerschütterlicher Mut verlassen würde. Aber Petrus reagiert darauf großspurig mit den Worten: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen! Jemand hat das treffend einen Mutanfall genannt. Nichts bleibt von der scheinbaren inneren Stärke, wenn der Augenblick der Wahrheit kommt. Das hat Petrus dann erlebt, als Jesus vor dem Hohen Rat verhört wurde und er seine Gefolgschaft mit Jesus verleugnete.
Ähnlich geht es uns, wenn kleinere oder große Katastrophen, wie zu Weihnachten geschehen, die Welt erschüttern und die Phantasie von Sicherheit wie eine Luftblase zerplatzen lässt. Solange das Leben ungetrübt verläuft, lässt sich gut singen "Er hält die ganze Welt in seiner Hand!" Keiner hat je gefragt, wie Gott all das Gute zulassen kann, das uns täglich widerfährt. Das wird völlig selbstverständlich hingenommen, als hätten wir ein Recht darauf. Aber sobald das Glück ausbleibt, oder sich in Unglück verkehrt, suchen wir nach Schuld, gar bei uns selbst oder bei Gott. Der christliche Glaube ist kein Vorbeugungsmittel gegen das Leid, aber er weist Wege, wie Leiden durchlebt werden kann. Manchmal hilft uns kindliche Naivität, dem Weg auf die Spur zu kommen. Ein kleines Mädchen kam mit seiner Mutter an einer Kirche vorbei und fragte erstaunt: Mutti, warum haben die Kirchen alle ein Pluszeichen? Das Wort Leiden, auf lateinisch Passion, ist für die Kirche kein Fremdwort, weil das Kreuz ihr Markenzeichen ist. Das Kreuz als Pluszeichen! Das ist die Erwachsenenfrage nach der Gerechtigkeit Gottes: Warum lässt er das Leiden zu und verhindert es nicht?
|
|
In der Bibel wird dieses Thema im Buch Hiob entfaltet. Hier wird die Frage nach dem Sinn und der Begründung des Leidens hin und her geworfen in Rede und Gegenrede. Hiob und seine Freunde quälen sich geradezu gegenseitig unter dieser Frage. Ich kann nur dazu ermutigen, dieses Buch, trotz aller Verstehensschwierigkeiten, einmal in aller Ruhe zu lesen und zu beachten, wie Hiob gegen das ihm zugefügte Leid revoltiert. Wir können und müssen Leid nicht wegreden. Wir können und müssen Gott nicht verteidigen. Wer leidet, soll und darf klagen: klagen gegen sich selbst, gegen andere, ja sogar gegen Gott. Denn selbst die Empörung bindet den Leidenden noch
an Gott. Gerade |

|
|
die
Gestalten der Bibel zeigen, dass der Glaubende kein Supermensch sein muss, dem das Leid
nichts anhaben könnte. Ein anderes Lehrstück der Bibel dafür ist der Psalm 73, in dem ein Glaubender mit Gott ringt, warum es denen, die nichts nach Gott fragen, besser geht, als ihm, bis er dann am Ende zu dem Bekenntnis durchdringt: Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand!
Die nur scheinbar neuzeitliche Klage, wie Gott das Leid zulassen könne, ist in Wirklichkeit eine urmenschliche Frage von Beginn an. Sie ist notwendig und zulässig. Sie soll und muss gehört werden, denn darum wird sie ja ausgesprochen. Sie sucht keine Erklärungen, sondern Trost. Wer fragt, wie Gott das Leid zulassen kann, sucht die Nähe anderer Menschen, die bereit sind an der eigenen Betroffenheit Anteil zu nehmen. Wer leidet, braucht sein Leid nicht zu verbergen. Leidensgemeinschaft verbindet oft ein Leben lang. Solche Leidensgemeinschaft heißt Sympathie. Wer meint, fern von Gott zu sein, braucht viel Liebe. In diesem Sinn ist die Jahreslosung eine Anleitung und ein ermutigender Begleiter durch das Jahr 2005. Wir werden andere Katastrophen erleben, vielleicht sogar noch größeren Ausmaßes, als die gerade geschehene. Aber nicht das Ausmaß ist entscheidend.
|
|
Der Tod eines geliebten Menschen kann uns mehr treffen, als das ferne Leid. Durch alle Erfahrungen hindurch begleitet uns die Zusage Jesu: Ich bete für dich, dass dein Glaube nicht aufhört! Er teilt die Erfahrungen unseres Lebens mit uns, stellt sich an unsere Seite, hört uns zu, weint mit uns und freut sich mit uns. Seine Nähe erfahren wir als erlösende Leidensgemeinschaft, als Gottes Sympathie!
Detlef Theeßen
|
|
|